Quarantine Diaries °

Quarantine Diaries

In seinem aktuellen Projekt lädt der Künstler Roberto Uribe Castro Menschen aus aller Welt ein, in ihren Privaträumen Seifenstücke zu fotografieren. Der Inhalt dieses kollektiven Work in Progress läuft nun auf dem Instagram-Account der irischen Galerie Artlink weiter.

Rund, oval, eckig oder in freier Form; zart wie ein Kieselstein am Strand, vollkommen wie ein Ei; sperrig, anschmiegsam, hässlich und schön. Ganze Seifenstücke, -brocken und -reste ruhen auf Tellern, Fliesen, Waschbecken, Dusch- und Badewannenrändern und in Händen. Das intime Alltagsprodukt begegnet uns im kollektiven Instagram-Kunstwerk in jeglicher Machart und Couleur. Wir erahnen, wissen und sehen, dass ihre Konturen sich durch ihren Gebrauch verändern und sich im Laufe der Zeit auflösen.
„Du denkst, dass es besonders unwichtig ist, aber es sagt doch viel über Dich aus“, erzählt Uribe Castro bei einem Treffen in seinem Berliner Atelier. Es zeige sich darin, „wie menschlich wir alle durch einen noch so kleinen Akt werden und dass wir miteinander verbunden sind.“
Die Instagram-Fotos der Seifenstücke sind mit dem Namen der Fotografen und Fotografinnen sowie ihrem Datum und Entstehungsort untertitelt und werden ausnahmslos in jeder Qualität gepostet. Abhängig von der eingesandten Menge sind in einem Beitrag bis zu zehn Bilder oder mehrere Feed-Beiträge über den Tag verteilt zu sehen.

Quarantine Diaries deutet Uribe Castros Interesse am Vorübergehenden an, das er bisher in seiner im öffentlichen Raum stattfindenden Arbeit thematisiert. Insbesondere identifiziert er sich mit Walter Benjamins Gedankenwelt, in der kleinste Alltagsrituale einen größeren Sinn beinhalten und ebenso wie einfache Objekte Spuren sind, die durch das Wohnen hinterlassen werden und als Impuls zur Erinnerung dienen.
Sie sind zwar verschieden und vergänglich, diese Seifenstücke, mit denen wir eine intime Beziehung führen, deren Duft uns begleitet und Erinnerungen weckt, doch in der Wiederholung des aus unterschiedlichen Lebensorten und -welten stammenden Motivs rückt das Bleibende in den Vordergrund. „Sie sind gleichzeitig allgemein und individuell, im Wesentlichen sind sie jedoch Teil eines fortwährenden Ganzen.“

Hinein in den Dialog über die Spur des Alltäglichen

Die Spur des Alltäglichen führt vom konservierenden, lehrenden Musealen weg. Dadurch dass der Künstler zudem den „Zeichenstift“ in die Hand des Betrachters legt, stellt er einen Austausch zwischen ihm, dem oder den Betrachtern, den Bildern, den Texten und den Algorithmen her. Es passiere, was viele Institutionen vergeblich versuchten, so Uribe Castro. Ihnen gelinge es nicht, einen Dialog zu führen, weil sie in der romantischen Vorstellung des Künstlergenies verharrten. Er identifiziere sich selbst mehr mit der barocken Kunst, wie sie Octavio Paz in seiner Biographie über die Poetin Sor Juana Inés de la Cruz  beschreibe, die menschliche Gefühle und existentielle Fragen dynamisch und leidenschaftlich durchdringe. Es gehe schließlich nicht darum, derjenige zu sein, der in der Lage sei, „Berge zu versetzen, sondern Berge zu verstehen“, nicht eine Welt zu erfinden, sondern die existierende zu beschreiben oder ihre Stimme zu sein. Deshalb arbeitet der Kolumbianer gerne im öffentlichen Raum, „weil ich hier hören kann, was die Menschen zu sagen haben.“

„Wir sehnen uns jetzt nach Poesie. Sie ist mit der Menschlichkeit erfüllt, die wir gerade so sehr brauchen.“

In Quarantine Diaries entsteht die Kunst im Hier und Jetzt. Jeder Seifen-Post, einzeln oder hinter- und miteinander betrachtet, schafft Raum zum Träumen und Nachdenken, verführt sogar, sich mit anderen im Geiste zu verbinden. Die Seifen bringen uns auf eine Spur. Wie ein Gedicht. Vielleicht erweckt ein Bild ein bestimmtes Gefühl, erinnert an etwas oder suggeriert die Frage, wer das wohl ist, die oder der sich mit der honigfarbenen ovalen Seife wäscht? Sieht es in dem Badezimmer wirklich so aus oder ist das inszeniert? Was passiert außerhalb des Badezimmers, im Flur hinter der Tür, im restlichen Haus, in der Straße, in dem Ort, in dem sich das Haus befindet?
„Es sind auch Bilder aus Marokko, Thailand oder aus dem Iran dabei. Vielleicht entsteht eine Spannung, wenn Du sie siehst. Durch Quarantine Diaries stellst Du Dir etwas vor und kannst dem nachgehen. Lädt Kunst nicht ein, weiter zu schauen?“, fragt Uribe Castro, „Jedenfalls lässt sie dich nicht einfach stehen.“ Es ist schön, wenn sie uns abholt wie die Poesie der jungen Amanda Gorman bei Joe Bidens Amtsantritt, begeistert sich der Künstler.
In Quarantine Diaries rückt das intime Alltagsprodukt wiederholt ins Blickfeld und gelangt so ins Bewusstsein des Einzelnen. Es ist jedoch nicht irgendeines. Es schenkt uns Gesundheit und Sicherheit. Deshalb ist das Auge des Betrachters während der Pandemie womöglich empfänglicher für das Bildmotiv der Seife. Uribe Castros kollektives Werk holt ihn ab in der weiten Welt da draußen und bringt ihn dorthin, wo Identität stiftendes Gemeinsames entsteht, das Andere sich als das Eigene erweist.

Auf Instagram sind wir alle gleich

Lautlos schleicht sich Quarantine Diaries in Zeiten von Social Distancing aus Denkschubladen des Marktes, der Galerien und Kunsthäuser in ein neues öffentliches soziales Miteinander. Instagram schenkt dem Kunstwerk diese Freiheit. Es stellt hier nicht das Kunstobjekt aus, dient als weiterer Ausstellungsraum, sondern ist gleichzeitig Ort des Geschehens und Werkzeug, das dessen Sein bestimmt.
Die Posts der Seifenbilder enthalten Spuren, die wir hinterlassen. Sie veranschaulichen als Sammlung, orchestriert durch den Künstler Uribe Castro, wie sich der Mensch äußeren Umständen anpasst. Dass wir sie heute sehen und morgen nicht mehr, mindert nicht ihre Bedeutung. Durch die neue visuelle künstlerische Ausdrucksform erfährt der Betrachter sich als soziales Wesen. Er hat als solches auf einer Ebene Zugang zur Kunst, die allen gemeinsam ist. Die Spuren zwischen Öffentlichem und Privaten verwischen. „Selbst Institutionen müssen jetzt Instagram nutzen, um ihre Werke zu zeigen. Dadurch unterwerfen sie sich einer Art Überinstitution. Aber das Interessante daran ist, dass die Möglichkeit, sich dort zu entfalten, für alle gleich ist.“  
„An irgendeinem Punkt hat die Pandemie dazu geführt, dass wir uns verbinden“, begrüßt Uribe Castro diese Entwicklung. Und nicht mehr und nicht weniger bewegte Uribe Castro, das Projekt nun zusammen mit Artlink weiterzuführen. Schlicht gesagt: „Quarantine Diaries kann nur wachsen, wenn viele Menschen mitmachen.“

 

Die Entstehungsgeschichte

Die Geschichte beginnt damit, dass ich nicht in meiner Heimat Kolumbien lebe und ich mich fragte, wie ich die Verbindung zu meiner Familie erhalten kann, wenn ich nicht da bin. Das Seifenstück war für mich wie eine Offenbarung, die man plötzlich hat. Ich stellte fest, dass feste Seife etwas ist, was gerade vom Markt verschwindet und dabei hat es so schöne Eigenschaften. Das fiel mir vor allem auf, weil hier in Europa sehr viel Flüssigseife verwendet wird. Als ich in Kolumbien gewesen war, hatte ich meine Mutter darum gebeten, Seifenstücke, die sie benutzte, aufzubewahren und ich habe dasselbe gemacht, ohne dass mir klar war, was damit geschehen sollte. Als ich dann im März 2020 wegen der Pandemie in Bogotá feststeckte, hat meine Mutter die gesammelten Seifenstücke rausgeholt und ich fand es schön, sie auf Instagram zu zeigen. Ich spielte mit dem Gedanken, daraus ein Projekt zu machen und wie von selbst entstand dann Quarantine Diaries.
Ich glaube, dass wir als Künstler viel lesen, recherchieren und beobachten sollten, und was uns manchmal gelingt, ist das Einfangen eines Moments und eines Gefühls. Dieses Werk (Quarantine Diaries) ist durch Reaktionen der Menschen und von alleine entstanden. Meine Rolle dabei war und ist mehr die einer Art Medium. Manchmal empfinde ich den Prozess wie etwas Metaphysisches, so, als sei es schon dagewesen. Manches Kunstwerk trägt dieses Wundervolle in sich, dass es entstehen musste.“
Interview vom 16.4.2021 in Berlin.

 

How to participate:

To participate in the #quarantinediaries project please send your pictures to info@robertouribecastro.de or info@artlink.ie The pictures will be shown on the robertouribecastro and artlinkfortdunree Instagram accounts. If circumstances allow there will be an analog show at Fort Dunree in May 2021

Although more than a year has passed since the beginning of the pandemic and the first lockdown, the reflections and possibilities for dialogue which Quarantine Diaries invites, are still relevant and necessary. Artlink would like to extend the invitation made by Roberto Uribe Castro to participate in this project. On one hand, soap is an object that can hardly be thought of as a work of art, because of its private function in the bathroom; cleaning oneself is an intimate act. On the other hand, there is the new evocative material life that soap has acquired through the pandemic. It is precisely this dual status and the possibility of opening up the collective participation of Quarantine Diaries in a virtual platform that has motivated Artlink to host the exhibition in 2021.

The project raises awareness of the overlapping spaces between the personal and the collective, the intimate and the public, the hygienic and the infectious, the material and the digital and is an invitation to consider everyday life in the midst of a pandemic and reflect on what this past year has been and its implications for our future.

Artlink, Fort Dunree, Linsfort, Buncrana, County Donegal, Rep. of Ireland, F93 C424
+353 83 869 6513

Autorin: Sandra Ellegiers